|
7. Tagung der
VdS-Fachgruppe 'Kleine Planeten'
vom 4. bis 6. Juni 2004
in Essen
Kleine Planeten für
große Praktiker
von Markus Griesser
Und wieder waren sie gekommen, aus nah und fern, aus Deutschland die
meisten, doch auch Österreich, die Niederlande und die Schweiz
waren vertreten: 41 Kleinplanetler trafen sich am diesjährigen
Juni-Vollmond-Wochende 5./6. Juni 2004 in der Walter Hohmann-Sternwarte
in Essen. Obwohl der Juni bekannt ist für seine Tage der
Schafskälte, war es diesmal sehr kalt, sozusagen saukalt. Doch die
über dem Ruhrpott manchmal bedrohlich tief hängenden Wolken
mochten die sonnigen Gemüter der Kleinplaneten-Freunde nicht zu
beeinträchtigen. Im Gegenteil: So fühlte man sich im sehr gut
gefüllten Vortragsraum in engem Kontakt mit dem Nachbarn zur
Rechten und zur Linken erst so richtig wohl...
Blättern in 25 erlebnisreichen Beobachtungsjahren
Den wiederum sehr bunten Vortragsreigen eröffnete mit Erich Meyer
aus Linz ein treuer und besonders wertvoller Gast jeder Tagung. Doch
für einmal hatte der ebenso sympathische wie erfahrene
Österreicher keinen verschollenen NEO-Exoten mit verbogener Bahn
aus der Himmelsleinwand gekitzelt. Vielmehr liess er seine aufmerksamen
Zuhörer teilhaben an einen statistischen Rückblick auf
mittlerweile 25 reich befrachtete Beobachtungsjahre mit vielen „Up’s“
und nur wenigen „Down’s“. Erich Meyer gehört damit wohl zu den so
ziemlich erfahrendsten Astrometrikern. Dies dokumentierte er mit
farbenfrohen Grafiken ebenso wie mit nüchternen Zahlen: So hat er
bis Ende 2003 insgesamt 6.105 Positionen von 528 Asteroiden und 118
Kometen ans MPC geschickt. Kein Rekord zwar, doch mit bisher 131
„eigenen“ Minor Planet Circulars, ausgelöst durch oft
äusserst gewagte und arbeitsintensive Re-Coveries von Erdkreuzern,
ist der Linzer Beobachter sogar weltweit eine Ausnahmeerscheinung und
bringt auch gestandene Profis immer wieder zum Staunen. Dabei arbeitet
der Linzer heute noch immer mit einer „hoffnungslos veralteten“ CCD des
Typs ST-6!
Ein Apollo wird gefunden...
Mit Reiner Stoss kam einleitend gleich ein weiterer, sozusagen eherner
Wert der VdS-Kleinplanetengruppe zu Wort. Der junge Mann, der in
Darmstadt Maschinenbau studiert, gehört zu jenen Ausnahmetalenten,
die es schon in jungen Jahren verstehen, sich mit qualifizierten
Beiträgen Respekt und Anerkennung in einem Fachgebiet zu
verschaffen, in dem sich normalerweise alleine die in Ehren ergrauten
Cracks aus der Profi-Szene tummeln. Beim weltoffenen Reiner Stoss kommt
aber noch jene höchst sympathische Eigenschaft dazu, dass er mit
der ihm eigenen Ernsthaftigkeit für jeden Sternfreund allzeit ein
offenes Ohr hat und über E-Mail sozusagen rund um die Uhr Fragen
beantwortet. Sein Spitzname „Reiner, who never sleep!“ ist sogar beim
Minor Planet Center bekannt - und manchmal wohl auch gefürchtet.
Trotzdem ist es nicht selbstverständlich, dass er sich neuerdings
auch noch in die Bildung von hochtalentierten jungen Menschen aus
östlichen Ländern einbringt, leitete er doch in den
Sommerferien 2003 in der „Sommer Scool of Astronomy“ in Visnjan,
Kroatien, die NEO-Fachgruppe. Und mit welch sensationellem Erfolg: So
entdeckten die jungen Leute den Apollo-Asteroiden 2003 QA auf einer
Aufnahme, die eigentlich auf den NEO (2100) „Ra-Shalom“ zielte. Wegen
Waldbränden in Kroatien musste die Gruppe zeitweilig auf eines der
Internet-gesteuerten Teleskope auf Mallorca (Station 620) ausweichen.
Reiners Schüler zeigten mit diesem tollen Fund, dass man mit etwas
Glück und gutem Sachverstand wenigstens zwischendurch den
scheinbar so übermächtigen Surveys eine lange Nase drehen
kann.
Mit Hilfe der Parallaxe gelang es dann der Gruppe, noch vor der
offiziellen Confirmation den aktuellen Erdabstand ihres Objektes
„slyone“ auf 0.26 AU zu bestimmen. Somit konnte es sich eigentlich nur
um ein Apollo-Objekt handeln. Diese sensationelle Entdeckung
passte dann so ganz zu den Aussagen von Reiner Stoss, dass es im
Interesse von Ausbildungs-Projekten wohl besser ist, eine grössere
Zahl von internetgesteuerten Billig-Teleskopen an guten Standorten zu
platzieren, als zwei 2-Meter-Lichtriesen, wie sie der englische
Mäzen Faulkner kürzlich auf Hawaii und Australien
installieren liess.
„Warme“ Kleinplaneten
Bereits im Jahre 1800 entdeckte William Herschel die Infrarotstrahlung
im Sonnenspektrum. Doch erst etwa ab 1960 kam die Infrarotastronomie so
richtig in Schwung, da nur ein kleiner Teil dieser Strahlung die
Erdatmosphäre durchdringt. In einem spannenden,
anderthalbstündigen Vortrag und mit vielen Beispielen aus dem
praktischen Alltag erläuterte Dr. Thomas Müller,
wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPE Garching, die Methoden, mit denen
heute und in Zukunft kosmischen Kleinkörper erkundet werden.
Überraschenderweise senden auch kalte Körper, wie
beispielsweise Asteroiden, intensiv IR-Strahlung aus. Ja man
könnte im Infraroten sogar viele Asteroiden mit blossem Auge
sehen! Blöd für uns Astrometriker wäre einzig, dass wir
im IR keine Referenzsterne für die Positionsmessungen mehr
hätten...
Die bisher erzielten Resultate wurden mit ausserordentlich groben
Kameras mit nur vier bis neun Pixeln erzielt. Trotzdem sind die
Ergebnisse sehr aufschlussreich, wie Thomas Müller aufzeigte.
Heute sind anhand von Spektralanalysen gerade bei den grossen
Asteroiden Aussagen möglich geworden zur mineralologischen
Zusammensetzung zumindest auf der Oberfläche. So wurden bisher
schon Kohlenstoff, Carbonate, Olivine, Pyroxene usw. in
Zusammensetzungen nachgewiesen, wie man sie auch in vereinzelten
Meteoritenfunden auf der Erde entdeckt hat. Die Möglichkeit
besteht deshalb, dass diese speziellen Meteoriten auch von den
jeweiligen Asteroiden stammen. Deshalb hat die IR-Astronomie ein neues
Forschungsgebiet eröffnet: Die Astro-Mineralologie! Doch auch
präzise Aussagen zur Grösse von Asteroiden sind im IR-Bereich
möglich, wie Thomas Müller am Beispiel des Asteroiden
„Itokawa“ (1998 SF36) erläuterte: Sein aus dem
Helligkeitsparameter H abgeleitete Durchmesser wird mit 300 bis 700 m
angegeben. Eine einzige Messung mit einem Grossteleskop im IR-Bereich
und das daraus abgeleitete Modell grenzte diesen vagen Wert auf
präzise 340 m ein.
Momentan sind gleich mehrere grössere IR-Teleskope für einen
Satelliteneinsatz geplant, so auch das europäische Projekt
HERSCHEL, das 2007 mit einem 3,5-Meter-Spiegel ins All geschickt werden
soll. Der Referent arbeitet für dieses Projekt an einer Kamera.
Doch ob auf dieser grossen „Wärme-Sehmaschinen“ dann auch
Beobachtungszeit für Asteroiden beansprucht werden kann, bleibt
abzuwarten. Bisher wurden jedenfalls die Asteroiden von
Infrarot-Astronomen sehr, sehr stiefmütterlich behandelt.
Wie „Okkultisten“ Asteroiden beobachten
Er habe im Unterschied zu vielen Anwesenden erst im „recht hohen“ Alter
von 41 Jahren zur Astronomie gefunden. Heute sei er ein Okkultist,
bemerkte Dr. Eberhard Bredner in seiner Einleitung. Natürlich
rückt er in dieser Eigenschaft heute keine Tische und
beschwört auch keine Geister, doch als Mitglied der International
Occultation Timing Association - European Section (IOTA-ES) hat er mit
seinem rund 100 kg schweren, voll-mobilen Equipment schon mehrere
Sternbedeckungen durch Asteroiden mitverfolgt. Wenn dies mehrere
Dutzend Beobachter an verschiedenen Standorten tun, kann aus allen
Beobachtungen die Form des Asteroiden erstaunlich genau abgeleitete
werden. Voraussetzung ist, dass die Zeitpunkte des Erlöschens und
Wiederauftauchens des Sterns auf Sekundenbruchteile genau ermittelt
werden. Dies geschieht heute in der Regel mit Video-Aufzeichnungen, in
denen die genaue Zeit, entweder vom Sender DCF-77 oder von einem der
vielen GPS-Navigationssatelliten, eingeblendet ist.
Dr. Bredner erläuterte an einem Beispiel, wie er im schönen
Burgund, in Frankreich, an einer solchen Bedeckung mitgearbeitet hat.
Wichtig sei, dass man sich genügend Zeit gönne, die
Ausrüstung sauber aufzustellen und dann auch wirklich den
richtigen Stern zu finden, denn alles konzentriere sich danach auf
einen einzigen Zeitpunkt. Der Referent lud weitere Beobachter dazu ein,
aktiv mitzumachen und nannte gleich eine nächste Gelegenheit: Am
10. März 2005 bedeckt der Asteroid (209) Dido den Stern HIP 59732.
Nähere Informationen und laufend verbesserte Karten mit den
Finsterniszonen sind jeweils bei der IOTA erhältlich.
Umbau einer Webcam
Man benötige nur einen verregneten Sonntagnachmittag, behauptete
der junge Thomas Payer, um den vorhandenen Chip einer Philips TOUcam
durch einen empfindlicheren Schwarz-weiss-Chip von Sony zu ersetzen. Da
die beiden 3 x 4 mm winzigen Chips pin-kompatibel sind, sei das Aus-
und Einlöten keine Sache, bemerkte der diesjährige Gastgeber
der Kleinplanetentagung und trat gleich den Tatbeweis an: Zu einer
prächtigen Aufnahme der Saturnmonde bemerkte er, dass der neue
Chip an seinem 12,5-Zöller der Walter-Hohmann-Sternwarte bis zur
etwa 12. Magnitude reiche, also gut 1,5 m tiefer als der alte Chip der
Webcam. Im Vergleich zu den klassischen Video-Aufnahmegeräten wie
Mintron und Watec erziele er so mit dieser kostengünstigen
Lösung deutlich tiefere Reichweiten. Allerdings braucht man einen
sehr leistungsfähigen Rechner, um die grossen Datenmengen einer
Webcam zu speichern. Dass diese Lösung auch bei Sternbedeckungen
funktioniert, bewies der junge Referent mit einer sehr schönen
Beobachtung am vergangenen 23. März: Als einer der wenigen
Beobachter in weitem Umkreis konnte er die Bedeckung des Sternes HIP
72388 durch den Asteroiden (1024) Hale dokumentieren.
Sternbedeckung durch einen Kleinplaneten
Und gleich nochmals um eine Sternbedeckung ging es dann im kurzen
Referat von André Knöfel. Der heute wieder bei Berlin
lebende Wetterfachmann beobachtete zusammen mit Gerhard Lehmann am 26.
August 2003 die Bedeckung des Sterns TYC5757 durch den Asteroiden (42)
Bertholda. Zum Einsatz kam vor einem staunenden Publikum der
180mm-Refraktor der Sternwarte Drebach (113), eine Mintron-Kamera und
als Zeitgeber eine Vorabversion des Cuno Time Inserts GPS-Garmit. Aus
den vielen Beobachtungen in Gesamteuropa konnte dann sehr
schön die einförmige Form und auch eine Grösse von 130 x
170 km des Asteroiden abgeleitet werden.
Gewachsene Fachgruppe
Gerhard Lehmann, der rührige Obmann der Fachgruppe Kleinplaneten,
wies in seiner statistischen Rückschau auf seine bisherige
Amtszeit insgesamt beeindruckende Erfolge aus. So ist die Fachgruppe
auf heute stolze 61 Mitglieder angewachsen. Die 38 beim MPC
akkreditierten Stationen der FG lieferten seit 1992 bis heute rund
73.000 Positionsmessungen ab und realisierten 850 Neu- oder
Wiederentdeckungen von Asteroiden.
Gerhard Lehmann lud die Tagungsteilnehmer zur verstärkten
Mitarbeit auch im publizistischen Bereich ein, so beispielsweise
für den Rundbrief der Fachgruppe sowie für das VdS-Journal.
Dieses vierfarbige Magazin findet bei den Lesern eine ausgezeichnete
Aufnahme und ist auch eine sehr gute Ergänzung zu den etablierten
astronomischen Fachmagazinen.
Erfolgreiche Sternwarte Tautenburg
Mit Dr. Freimut Börngen war der mit Abstand erfolgreichste
Asteroidenforscher anwesend. Der liebenswürdige und weltoffene
Berufsastronom, der noch keine einzige Fachtagung ausgelassen hat,
durfte in seinen langen Berufsjahren an der Thüringischen
Landessternwarte in Tautenburg bei Jena noch mit der klassischen
Methode des Fotografie weit über 500 Asteroiden entdecken. 484
sind bis heute nummeriert und viele davon mit Namen aus Wissenschaft,
Kultur, Geschichte und Geografie versehen.
Zu den Bahnbogenverlängerungen haben in den letzten Jahren bei
etlichen Objekten die beiden „Amateur“-Stationen 113 (Drebach) und 151
(Eschenberg bei Winterthur, Schweiz) beigetragen. Umgekehrt war die
Sternwarte Tautenburg während ihrer aktiven Kleinplaneten-Zeit
oft ihrerseits unterstützend für andere Stationen im
Einsatz. Mit berechtigem Stolz wies Freimut Börngen auf die
Tatsache hin, dass mit Beobachtungen von 033 bis heute immerhin 3404
Asteroiden nummeriert werden konnten – eine höchst
eindrückliche Bilanz! Dass heutige Amateurausrüstungen klar
tiefere Grenzgrössen erreichen als seinerzeit der fotografische
2-Meter-Spiegel, ist allein das Verdienst der Elektronik. Empfindliche
CCD-Kameras und Beobachtungsverfahren, wie sie beispielsweise das
Herbert Raabs prächtiges Astrometrie-Programm „Astrometrica“
möglich machen, gestatten heute auch einem durchschnittlich
ausgerüsteten Amateur, die 20. Grössenklasse zu
überschreiten. - Eigentlich unglaublich ...
Form von Asteroiden
Helligkeitskurven von Asteroiden lassen Rückschlüsse auf die
Form und auch auf eine allfällige Doppelnatur zu. Doch manchmal
ist es äusserst problematisch, die komplizierten Kurven aus den
praktischen Messungen am Himmel richtig zu interpretieren. Jörg
Schirmer (Station 243) hatte sich im heimischen Keller eine
Versuchsapparatur aufgebaut, auf der er Körper mit
unterschiedlichen Formen mit einer CCD-Kamera beobachten und die
entsprechenden Helligkeitskurven experimentell herleiten kann.
Natürlich ist diese Apparatur noch ausbaufähig, und so darf
man wohl gespannt sein auf die weiteren Resultate.
Der gemütliche Teil …
Der Sonnabend klang dann beim Abendbrot und dem obligaten Bier im „Haus
Erbach“ ausgesprochen gemütlich aus. Für einmal sah man an
diesem Abend keine Computer, doch die Asteroidenfreunde hatten
natürlich auch so eine Fülle von Erfahrungen auszutauschen
und knüpften gleichzeitig neue Freundschaften. Da der Beginn der
nächsten Vortragsstaffel am Sonntagmorgen erst auf 9.30 Uhr
angesetzt war, blieb auch genügend Zeit für etwas
ausgedehntere Sitzungen.
„Pyjama“-Beobachtungen
Während sich „Hinterhof-Astronomen“ (so die
despektierlich-wortgetreue Übersetzung für Amateurastronomen
in den USA) in Kälte und Feuchte an ihren Teleskopen abmühen,
sitzen die modernen Amateure von heute gemütlich zuhause oder im
Internetcafe, programmieren über das Web ihre Jobs für ein
Teleskop, das Tausende von Kilometern von ihnen entfernt unter einem
dunklen Himmel steht, und werten dann nach nur wenigen Stunden in aller
Ruhe die Aufnahmen aus. Diese Vision einer total dominierenden Technik
ist heute schon Wirklichkeit, wie Reiner Stoss ausführte. Er ist
heute Mitarbeiter auf der Station 620 (OAM = Observatori Astronomic de
Mallorca) und arbeitet von Deutschland aus gleich mit mehreren
vollautomatisierten Meade-Teleskopen auf der Ferieninsel. Das Ziel
dieser modernen, vollautomatisierten Arbeitstechnik sei es,
möglichst keine „humans-in-the-loop“ mehr zu haben. - Der Mensch
also als Störfaktor? Man mag diesen Gedanken sympathisch finden
oder auch nicht: Tatsache ist jedenfalls, dass die roboterisierten
Teleskope rasant im Vormarsch sind. Und ihre Erfolge lassen sich
inzwischen auch bei den Amateuren sehen. Der schönste Beweis
sind die vielen Confirmations an erdnahen Objekten, die mit der
Beteiligung der Station 620 gelingen.
Vor wenigen Wochen ist, wie Reiner Stoss weiter ausführte, in der
Sierra Nevada, 80 km nördlich von Calar Alto in Südspanien,
eine weitere automatische Station in Betrieb gegangen, die
demnächst auch noch ein 60cm-Teleskop erhalten soll. Man darf also
gespannt sein, was diese „kleinen Rasenmäher“ uns noch alles
bringen werden...
Aktiv in den Medien
Jens Kandler dokumentierte mit einigen Medienausrissen die Freuden und
Leiden der Öffentlichkeitsarbeit einer Sternwarte. Die Drebacher
sind seit Jahren sehr aktiv auch in ihren Kontakten zu den Medien und
verstehen es, damit ihre Institution bekannt zu machen und bekannt zu
halten. So erschienen sehr schöne Presseberichte jeweils bei der
Übergabe des Kleinplaneten 1991 GV9 mit dem Namen „Drebach“ – ein
Geschenk übrigens von Dr. Freimut Börngen - und dann erst
recht bei der Entdeckung des ersten eigenen Kleinplaneten (31147) 1997
UA4. Ob die dabei von einer Regionalzeitung gedruckte Schlagzeile „Jens
guck in die Luft“ der Würde des Ereignisses und der bewiesenen
Ernsthaftigkeit des Entdeckers allerdings angepasst war, mag zu
diskutieren sein.
Eine ganz harte Medienschlacht hatte Drebach im März 2002 zu
schlagen, nachdem damals der Gastbeobachter André Knöfel in
Drebach über den „Potentially Hazardous Asteroid“ 2002 EL6
gestolpert war. Dieser „gefährliche“ Himmelskörper liess dann
die Redakteure die ganz grossen Buchstaben hervorkramen. Die TV-Teams
gaben sich gegenseitig die Klinke in die Hand. Der solchermassen
vorgeführte André Knöfel durfte sich für einmal
wie der Bundeskanzler fühlen und die stille Sternwarte Drebach
avancierte zu einer Filiale des Bundeskanzleramts.
Sehr schöne Medienereignisse sind für eine Sternwarte
natürlich die Bekanntgabe von Benennungen: Wenn man einem lokalen
Volkshelden wie dem Wildschütz Karl Stülpner zu himmlischen
Ehren verhelfen darf, dann haut dies wahrscheinlich ausserhalb des
Erzgebirges niemanden vom Sockel. Anders sieht dies aus, wenn man noch
lebenden Fachkollegen und Freunden, international erfolgreichen
Sportskanonen oder gar leibhaftigen Astronauten zur hohen Ehre eines
eigenen Asteroiden verhilft. So wird am 5. September 2004 zum
Jubiläum „35 Jahre Astronomie in Drebach“ der erste deutsche
Kosmonaut Sigmund Jähn im Krokus-Dorf erwartet. Auch er, der
„Erste Deutsche im All“ kreist heute in Form eines Drebacher
Kleinplaneten noch immer und für alle Ewigkeiten durchs All. Und
seine Anwesenheit am Jubiläumsakt wird natürlich erneut
für eine gebührende Medienpräsenz sorgen.
Ruheständler im Vormarsch
Mit Peter Kocher (A16), Dr. Helmut Denzau (A32) und Rolf Apitzsch (198)
stellten zum Abschluss der Tagung drei dynamische
(Früh-)Pensionäre ihre liebevoll aufgebauten
Privatobservatorien vor. Es muss schon ein tolles Gefühl sein,
wenn man endlich seinen kosmischen Lieblingen auch ohne die Lasten
seines Berufes nachstellen darf.
Peter Kocher, ehemaliger Gymnasiallehrer für Erdwissenschaften,
ist heute Technischer Leiter einer gut ausgebauten öffentlichen
Sternwarte in Ependes im französischsprachigen Teil der Schweiz.
Im Garten seines Hauses in Tentlingen (Kanton Freiburg) hat er sich ein
sehr hübsches Observatorium mit einem 30cm-Spiegel und einer ST8XE
gebaut. Er holte sich erst kürzlich und in hartnäckiger
Arbeit das nötige theoretische Rüstzeug für die
Astrometrie und erzielte schon einige ganz schöne Erfolge mit
NEAs. Es wird wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis er auch mit
dem ersten „Tentlinger“ aufwartet...
Ein Referat der besonderen Art bot dann Dr. Helmut Denzau. Der Physiker
ist nach seiner glücklich über-standenen Verabschiedung in
den (bezahlten) Vorruhestand nach Schleswig-Holstein gezogen und
betreibt dort unweit der Ostsee in einem 200-Seelen-Dörfchen unter
dunklem Himmel eine hübsche Sternwarte. Wie es zum Bau dieses
Garten-Observatoriums kam, schilderte Helmut Denzau mit trockenem Humor
und erntete für seine geradezu köstlichen Ausführungen
viel Beifall. Sein Hauptinstrument ist ein C-14 auf einer
Paramount-1100-Montierung mit einer ST-6 und viel Zubehör wie
Video-Kameras und Fotometer, um auch weitere Ereignisse am Nachthimmel
dokumentieren zu können. Erstaunlicherweise wurde bei dieser neuen
Sternwarte erst mal das Teleskop auf eine stabile Fundamentierung
gesetzt. Es dauerte dann Monate, bis die vorerst in einem billigen
Aldi-Zelt untergebrachte Computeranlage endlich in das ums Teleskop
herumgebaute Holzhaus mit Schiebedach umziehen konnte. Als der
Sternwartebesitzer den Dorfelektriker damit beauftragte, insgesamt 42
Steckdosen im kleinen Haus zu installieren, habe der ungläubig
nachgefragt, ob er dies auch wirklich ernst meine.
Ein Schmuckstück von einer Sternwarte hat sich Rolf Apitzsch in
Wildberg, im Schwarzwald, gebaut. Das hübsche Kuppelgebäude
enthält ein Meade-Teleskop C9 mit einer SXV-H9-Kamera mit einem
empfindlichen Sony-Chip und einer parallel montierten ST-6 für die
Nachführung. Das Instrument verfügt über eine
ausgezeichnete Nachführung mit einer Mel Bartels-Steuerung. Mit
zusätzlichen Programmen hat Rolf Apitzsch auch die in der
Astrometrie häufig auftretenden Zeitfehler sauber im Griff. Der
Referent nimmt es auch penibel genau mit der Residuen-Kontrolle und
prüft mit einem selber entwickelten Programm-Tool jede
Beobachtungsstaffel vor dem Einschicken ans MPC. Momentan ist auf 198
ein neues Teleskop in Arbeit. Ein hübscher 355mm-Newton / f 4.1
soll noch diesen Herbst sein „First Light“ erleben.
Tschüss – bis nächstes Jahr in Heppenheim ...
Mit diesen drei sehr schönen Referaten von hochaktiven Senioren,
die ihre wiedergewonnene Freizeit sehr sinnbringend zu nutzen wissen
und dafür auch nicht unerhebliche Ersparnisse opfern, ging die
diesjährige Tagung zu Ende. In seinem Schlusswort lobte Harrie
Rutten aus Arcen in den Niederlanden den Tagungsinhalt in höchsten
Tönen und schloss seine Würdigung und seinen Dank an die
Tagungsleitung mit den vielsagenden Worten und dem wohl schönsten
Kompliment: „So was muss es unbedingt auch in Holland geben!“
In Deutschland jedenfalls gibt es die nächste Kleinplaneten-Tagung
wieder am 18./19.Juni 2005 auf der Starkenburg-Sternwarte in
Heppenheim. Und der Schreibende müsste sich doch auch gewaltig
täuschen, wenn an diesem fraglichen Termin nicht bald auch der
Vollmond dann in die Szene leuchtet... |